ND gelesen – dabei gewesen

Beim morgigen Kantinenlesen werden Jan von Im Ich and I als Cindy und Bert zusammen auftreten und mindestens die Nummern unserer Vinylschnitte bringen. Wird eine knackige Veranstaltung, nicht zuletzt wegen der anderen Gäste.

Zugabe: „ND gelesen – dabei gewesen.“ Die Werbebotschaft aus Urzeiten hielt sich viele Jahre und wird von älteren Lesern noch heute mit einem verschmitzten Lächeln erwähnt. Wann ich diese Zeitung das erste Mal gelesen habe, kann ich nicht sagen, doch dabei gewesen bin ich seit meiner Geburt am 17. Januar 1965. An jenem Sonntag berichtete die Ausgabe von der traditionellen Luxemburg-Liebknecht-Ehrung, wobei in einem Kommentar vermeldet wurde, das „heute keine Knüppelattacken der reaktionären Polizei drohen.“ Gleich unter dem Zeitungskopf prangt die Neuigkeit, wonach Wismut Gera in der Liga gegen Stahl Riesa 3:0 gewann. Weitere Fußballinformationen finden sich auf den zwölf riesigen Seiten nicht. Auf der Titelseite wird die Erschaffung einer 2,65 Meter hohen Bronzefigur von Professor Heinrich Drake erwähnt, die den Maler Heinrich Zille und einen namenlosen Zeitungsjungen zeigt. Oberbürgermeister Friedrich Ebert fände Zille gut getroffen, der Junge erschiene ihm aber zu verträumt. In der Ausgabe wird nicht verraten, dass diese Figuren in der Wallstraße 51, in Berlin-Mitte, stehen sollen. Der Sportteil besteht aus einer schmalen Doppelspalte und handelt vom Eishockeyspiel zwischen einer deutschen Auswahl und der zweitbesten Amateurmannschaft Kanadas, den Lacombe Rockets. Der Vergleich endete 3:4, es ist das beste Resultat unserer Jungs gegen ein kanadisches Team. Dieter Noll las im Siegmundshof, im Tiergarten, aus seinem Roman „Die Abenteuer des Werner Holt.“ Festgehalten wird: „Der Applaus konnte allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass das gesellschaftliche Anliegen des Schriftstellers nicht immer voll verstanden wurde.“ Immerhin kommt die Verfilmung Anfang Februar in die Kinos der DDR. Auf Seite 3 fragt Dr. Harald Wessel in seiner philosophischen Betrachtung, wozu der Mensch im Mittelpunkt steht und verrät, „damit man ihn von allen Seiten kritisieren kann.“ Zwei Seiten weiter heißt es, im neuen Jahr streikten schon 500.000 Werktätige. „Die USA und Westeuropa sind die Zentren der Kampfaktionen.“ Eine Reportage handelt vom Menschenhandel, wonach ein Rostocker Fischer in St. John´s, in Kanada, ein böses Erwachen erlebte, nachdem er mit einigen Kollegen in einer Nachtbar getrunken hatte. Am Morgen darauf fand er sich in einer Zelle wieder und wurde immer wieder gefragt, ob er bleiben wolle oder nicht; schließlich habe er in der Nacht zuvor seine Unterschrift geleistet und um Asyl gebeten. Der Rostocker weiß von nichts, er will nur nach Hause. Seiner Heidi schreibt er, „nie wieder im Leben werde ich einen Schnaps anrühren.“ Er reist über Southampton, Großbritannien, zurück, wo er 14 Tage verharren muss, weil die Hafenarbeiter streiken. Von Lübeck aus geht er zu Fuß und betritt bei Selmsdorf das Gebiet der DDR. Zu guter letzt bewirbt man sich selbst: „Erfolg liegt auf der Hand. Neues Deutschland – die führende Zeitung.“

stasi goreng

Bin endlich wieder im Kino gewesen, habe die „Kundschafter des Friedens“ gesehen und in meiner Kolumne beworben.

hurra!

Nachdem ein Kunsthandwerker aus Rand-Polen die letzte Jahreswende nicht verkraftete und aus unserem Projekt ausstieg, konnte Oi! The Max eine Alternative klarmachen, so dass er, Jan, Stephan, Emil und ich am letzten Dienstag in meinem Wohnzimmer mal so eben die 500 Single-Büchlein zusammen bastelten. Einige Exemplare soll es ab Anfang März im nd-Shop am Franz-Mehring-Platz geben. Die Veröffentlichungssause steigt am Freitag dem 17. März nebenan in der Jägerklause. Nach Jan und mir wird eine Band spielen, wahrscheinlich Black Sabbath. So weit, so zufrieden hoch 3. Tipp für den Februar: Warten.

Zugabe.

alles wie früher

Huch, letzte Woche stand hier nix neues. Aber ihr holt euch das neue deutsche Papierprodukt ja am Kiosk. Für alle anderen …

Mein vor 25 Jahren errungener Kassettenrekorder funktioniert wunderbar, zumindest das linke Teil vom Doppeldeck, und das wiederum samt der Autoreverse-Möglichkeit, so dass die Musik scheinbar endlos weiter läuft. Besser so, denn auf der Kassette von Pussy Riot sind auf jeder Seite nur vier kurze, aber immerhin muntere, Songs. Ich lasse das Werk zum dritten Male durchlaufen, auch weil es zum Getöse der Waschmaschine und den in der Pfanne brutzelnden Eiern passt. Diese Kassette trägt den Titel „In Riot We Trust“ und wurde am letzten Sonnabend vor den Toren Berlins vorgestellt, in einem Gasthaus in Schmachtenhagen, wohin ich mit einigen Hauptstädtern zum Konzert fuhr, wie einst zum Auftritt von Omega in Erkner, vor 35 Jahren, mein Gott. Es war eine schwungvolle Veranstaltung vom Label „Oi! The Nische“, wo vor 111 Leuten die Truppen Test A und Roiber & Gendarme musizierten. Die Frauen von Pussy Riot wurden gefragt, ob sie dort auftreten würden, aber daraus sollte nichts werden. Sie stehen ja, wie wir spätestens seit ihrem 41-Sekunden-Auftritt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale wissen, auf Provokationen gegen den Staat und die Kirche. Vor Berlin scheint alles zu idyllisch. Mit dem Kult um ihre Personen und zu vielen Veröffentlichungen haben sie es wohl weniger. 2012 erschien ihre EP „Kill The Sexist“, aber sonst? Der Anfrage vom Schmachtenhagener Mini-Label kamen Nadja Tolokonnikova & Co. über Facebook entspannt entgegen. Die Jungs aus dem Umland durften sich aus dem Netz fischen, was sie für die Kassette geeignet hielten, und das sollten die punkigen Songs sein. Die englischen Vorbilder der Endsiebziger klingen durch, das ist stark. Allerdings ist der Song, der hier und da als „Punk-Gebet“ betitelt wurde, und mit dem sie vor fünf Jahren derb ins Geschehen eingriffen, nicht einmal dabei. Da könnte noch eine Single kommen, finde ich. Zumindest habe ich eine Ahnung davon, dass auf dem nächsten Tonträger der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot dieser Song als „Strumpfmaskenmädchen“ verewigt sein dürfte. Auf der vorderen Kassettenhülle von „In Riot We Trust“ sind jedenfalls per Buntstiftzeichnung drei Strumpfmaskenmädchen zu sehen, innenseitig erscheint inmitten der Titelliste Putin mit freiem Oberkörper, auf dem neben Marx, Engels und Lenin auch Stalin als „Tätowierungen“ zu sehen sind. Diese Kassette erschien in durchnummerierter 200er Auflage, ich habe die 186 und höre sie zum ungefähr siebten Mal. Das geht noch, denn die Maschine schleudert schon, das Essen wurde verputzt. Nebenbei verraten, ich erfuhr von Nischen-Max, dass die Kassette nach alter Schule kopiert wurde, dass in einem Haushalt nahe Berlins ein Doppelkassettendeck im Dauerbetrieb war und die Musik jeweils mitgehört wurde. Respekt, die Herren, aber ich suche gleich mal die geerbten Kassetten von und mit Gunter Gabriel und Tony Marshall.