alles wie früher

Huch, letzte Woche stand hier nix neues. Aber ihr holt euch das neue deutsche Papierprodukt ja am Kiosk. Für alle anderen …

Mein vor 25 Jahren errungener Kassettenrekorder funktioniert wunderbar, zumindest das linke Teil vom Doppeldeck, und das wiederum samt der Autoreverse-Möglichkeit, so dass die Musik scheinbar endlos weiter läuft. Besser so, denn auf der Kassette von Pussy Riot sind auf jeder Seite nur vier kurze, aber immerhin muntere, Songs. Ich lasse das Werk zum dritten Male durchlaufen, auch weil es zum Getöse der Waschmaschine und den in der Pfanne brutzelnden Eiern passt. Diese Kassette trägt den Titel „In Riot We Trust“ und wurde am letzten Sonnabend vor den Toren Berlins vorgestellt, in einem Gasthaus in Schmachtenhagen, wohin ich mit einigen Hauptstädtern zum Konzert fuhr, wie einst zum Auftritt von Omega in Erkner, vor 35 Jahren, mein Gott. Es war eine schwungvolle Veranstaltung vom Label „Oi! The Nische“, wo vor 111 Leuten die Truppen Test A und Roiber & Gendarme musizierten. Die Frauen von Pussy Riot wurden gefragt, ob sie dort auftreten würden, aber daraus sollte nichts werden. Sie stehen ja, wie wir spätestens seit ihrem 41-Sekunden-Auftritt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale wissen, auf Provokationen gegen den Staat und die Kirche. Vor Berlin scheint alles zu idyllisch. Mit dem Kult um ihre Personen und zu vielen Veröffentlichungen haben sie es wohl weniger. 2012 erschien ihre EP „Kill The Sexist“, aber sonst? Der Anfrage vom Schmachtenhagener Mini-Label kamen Nadja Tolokonnikova & Co. über Facebook entspannt entgegen. Die Jungs aus dem Umland durften sich aus dem Netz fischen, was sie für die Kassette geeignet hielten, und das sollten die punkigen Songs sein. Die englischen Vorbilder der Endsiebziger klingen durch, das ist stark. Allerdings ist der Song, der hier und da als „Punk-Gebet“ betitelt wurde, und mit dem sie vor fünf Jahren derb ins Geschehen eingriffen, nicht einmal dabei. Da könnte noch eine Single kommen, finde ich. Zumindest habe ich eine Ahnung davon, dass auf dem nächsten Tonträger der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot dieser Song als „Strumpfmaskenmädchen“ verewigt sein dürfte. Auf der vorderen Kassettenhülle von „In Riot We Trust“ sind jedenfalls per Buntstiftzeichnung drei Strumpfmaskenmädchen zu sehen, innenseitig erscheint inmitten der Titelliste Putin mit freiem Oberkörper, auf dem neben Marx, Engels und Lenin auch Stalin als „Tätowierungen“ zu sehen sind. Diese Kassette erschien in durchnummerierter 200er Auflage, ich habe die 186 und höre sie zum ungefähr siebten Mal. Das geht noch, denn die Maschine schleudert schon, das Essen wurde verputzt. Nebenbei verraten, ich erfuhr von Nischen-Max, dass die Kassette nach alter Schule kopiert wurde, dass in einem Haushalt nahe Berlins ein Doppelkassettendeck im Dauerbetrieb war und die Musik jeweils mitgehört wurde. Respekt, die Herren, aber ich suche gleich mal die geerbten Kassetten von und mit Gunter Gabriel und Tony Marshall.

hier kommt cord

Ich habe endlich Kirsten Fuchs´ neues Büchlein aus dem Jahre 2006 gelesen: „Zieh dir das mal an! Über Kleider und andere Sachen“. Im Kapitel A geht es um Absätze, in Z um Zwillingsbekleidung; in C jedoch nicht um Cordhosen. Das fiel mir auf, da ich dieser Tage meine persönliche Cordhosenerinnerungszeit zelebriere. Ich griff so nach und nach im Kleiderschrank nach den vorübergehend verschollenen Paaren. Bei Kirsten findet sich unter C das Kapitelchen „Chic“. Ich kann jetzt nicht sagen, ob sie die Cordhosen irgendwo als unchic versteckte; ihr Vorwort findet sich zumindest unter V, zwischen U wie Uniform und W wie Waschmaschine. Meine Cords sitzen besser als manche Jeans, sie sind weder ausgebleicht, noch haben sie blöde Löcher. Außerdem gilt: die meisten Klamotten sind sexy, wenn man sie passend kauft und sich nicht mit dem vermeintlichen Hereinwachsen verkalkuliert. Doch Cordhosen sind vom aussterben bedroht. Es erfordert Mut, so ein Beinkleid anzulegen. Schnell gilt man als ausgebeult. Für die Jeans dudelt Gevatter Rock ´n´ Roll seit einigen Jahrzehnten ein Werbeständchen. Dagegen ist es lange her, dass ein Typ wie Bobby Farrell mit Boney M. im weinroten Anzug einen Welthit wie „Daddy Cord“ klarmachte. Auch Frank Zander fiel überregional mit „Hier kommt Cord“ auf. Das war während meiner Pubertät, als ich mit weißen Cordhosen von meinen Zensuren abzulenken verstand. „Krasse Fußbodenbeleuchtung“, sagte ein kapitulierender Mitschüler aus seinen dogmatisch-blauen Boxer-Jeans heraus. Heutzutage müsste es für die gute alte Cord mal wieder eine Werbekampagne geben. Wer könnte vernünftige Losungen in die Welt setzen? Die Bäckereibetreiber in einer sächsischen Kleinstadt wissen zumindest, wie man die Kundschaft erreicht. Auf einem Plakat in ihrem Schaufenster steht: „Coffee to go – jetzt auch zum Mitnehmen!“ Der vor ihrem Laden platzierte Stehtisch ist von Becher-Boys umringt. Ein Herr trug einen Baumwollhose mit einem Schriftzug, bei dem es um Rock aus Tirol ging. Sozusagen rock to run. Kirsten Fuchs wäre eine vertrauenswürdige und gute Kandidatin für Cord-Reklame. Ihre Bücher laufen erfolgreich. Der 2015 erschienene und inzwischen in die 4. Auflage gegangene Roman „Mädchenmeute“ soll sogar verfilmt werden. Vielleicht legt sie in dem Streifen einen Kurzauftritt als Pädagogin in schnittigen Cords hin. Ihre Mädchenmeute hätte bestimmt Verständnis für erzieherische Maßnahmen. Ich würde Kirsten ein weinrotes Paar besorgen, das habe ich mir für 2017 vorgenommen. Außerdem will ich zwei Romane schreiben und drei Instrumente erlernen. Jawoll, Silvester war schlimm. Zur Jahreswende muss man weniger quatschen und mehr knallen.

da tanzt der andi christ

Ich finde die Neuverfilmung von Winnetou gelungen, weil insgesamt realistischer wirkend, und dabei meine ich nicht die Geschichte an sich, sondern die ganze Atmosphäre. Die Schauspieler und Dialoge sind oft fieser, die Farben meistens erdiger und die nette Musik hört man seltener und leiser im Hintergrund. Scheint der Himmel während der dreimal 99 Minuten eigentlich einmal blau? Ich habe den 1. und den 3. Teil ausgeruht ab jeweils 20 Uhr 15 verfolgt. Am dunkelsten schien mir der 2. Teil zu sein, denn ich saß zur Wiederholung um 0 Uhr 30 gespannt auf meiner Fernsehcouch, bin aber schnell eingeschlafen.

Zugabe.

zeit für klassik

Zeit für Klassik. Seit zwei Tagen ist mir so nach einigen meiner Vinylschnitten mit klassischer Musik. Schöne Sammelwerke mit der Musik von Franz Schubert und Claude Debussy halte ich derzeit für angemessen. Die sind nicht zu poppig-poplig, nicht zu weihnachtlich-bekloppt. Seit dem letzten Montagabend, an dem der terroristische Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz verübt wurde, läuft in Funk und Fernsehen eine gefühlte Dauerberichterstattung, wenn nicht sogar der eine oder andere Psycho Stream. Schon am Montagabend, als im ZDF der 1. Teil des Films „Gotthard“ gezeigt wurde, lief alle paar Minuten per Schriftzug die Nachricht von den bis dato neun Toten und 50 Verletzten durch das Bild. Mein Gott, würden wir alle evakuiert werden müssen? Dann sollten sie den Film abbrechen, um ihre Sondersendung vorzuziehen, das wäre konsequent gewesen. Aber so? Dauernd diese Wiederholungen ihres vorübergehenden Kenntnisstandes. Am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag nahm die Hysterie ihren Lauf, samt der O-Töne von Radiohörern und den Zitaten aus dem Internet. Ich finde, wir waren da schon weiter, zum Beispiel in den ´80ern, als das „Abendprogramm“ noch nicht 24 Stunden dauerte. Heutzutage kommt bei ihren Interviews doch nur was bei rum, wenn ein Terrorismusexperte wie Olaf Sundermeyer drei Minuten Klartext spricht. Meistens steht nur eine Pappnase vor der Kamera, und hinter ihm eine Feuerwehr, um zu sagen: Im Hintergrund steht eine Feuerwehr. Am Dienstag war ich fast schon ein bisschen froh, zur Arbeit gehen zu müssen, wo die Kollegen weder Zeit noch Nerven für die Topthemen der Außenwelt haben, welche dort ohnehin nur als permanente Nullaufklärung wiederholt werden. Mir schien, als seien einige Kollegen und Kunden ein wenig demütiger und netter. Seit Mittwoch früh um 5 verzichte ich auf das Radiohören. Warum nicht einfach mal per LP etwas Franz Liszt und Rachmaninow zum morgendlichen Kaffee? Wenn ich mich am Abend im Fernsehen über das Wesentliche informiere, bekomme ich genügend „trauernde“ Eventhopper untergejubelt. Da: das Brandenburger Tor in den deutschen Farben, mit lachenden Selfie-Asiaten davor, halleluja! Der Terror hat nun auch in Berlin Einzug gehalten, ausgerechnet zu Weihnachten. Was? Also ich habe im Laufe der Jahre, wenn es den Verlust eines Angehörigen zu beklagen gab, dem Kalender keinerlei Bedeutung zugemessen. Mein Kopf war voll mit den gemeinsamen Ereignissen aus einigen Jahren, wenn nicht sogar mit einer Spur von Zukunftsängsten. Es spielte keine Rolle, ob gerade Pfingsten oder Neujahr angesagt war. Aber dafür, einfach mal das Maul halten zu müssen, haben die Dudelfunker kein Gespür; die jammern zwischen Harpo und DJ Ötzi über die Vermeidung der Hysterie, die sie selber veranstalten.

was macht eigentlich gerhard?

Vor etwa zehn Jahren schrieb ich sehr viele einen grausamen Text, den ich flott in meine „Sonstiges“-Datei verschob. Vorgestern kuckte ich da nach einer Ewigkeit rein, ob sich vielleicht ein Baustein für meine Kolumne findet. Und siehe da: weitestgehend gestrichen und hier und da neu hinzugesponnen, ist „Gerhard“ ein hübscher, sogar aktueller, Text, finde ich.

Was macht eigentlich Gerhard? Ich war neulich in Hannover, in der Landeshauptstadt Niedersachsens, die oft als Synonym für triste Metropolen herhalten muss, und ich fragte meinen Gastgeber eher beiläufig, was unser Ex-Kanzler derzeit so treibe. Freund Frank meinte, es wäre für den alten Sozi-Strategen immer noch leicht, seine Stadt einfach nach ihm zu benennen, oder zumindest nach der weltberühmten Popband. Schon jetzt gebe es in Hannover eine nach den Scorpions benannte Einkaufszeile, eine Disko und einen Eishockeyverein. Vom Rathausturm aus blickten wir von Garbsen bis Laatzen und von Isernhagen bis Altwarmbürren. Da: das Heizkraftwerk mit den alles überragenden Schornsteinen, die man liebevoll die warmen Brüder nennt; nett gelegen nahe eines Altbauviertels, in dem der Kindermörder Fritz Hamann lebte. Doch leider sei es schon lange her, dass es im Foyer des Rathauses eine schöne Ausstellung mit den vielen Modellbauansichten Hannovers zu sehen gab. Zur Millenniumszeit sei ein Besucher erschienen, mit einer Axt unter seinem grauen Gewande, und habe alle Modelle blitzartig auf den Stand vom April 1945 geschnitzt, samt der Cafés und Kabaretts aus allen Jahrzehnten. Bei diesem Verrückten hatte es sich wohl um einen Kontrahenten des Kanzlers von 1998 bis 2005 gehandelt, mindestens aber um einen Braunschweiger. Der gute Gerhard dagegen, heute immerhin schon 72 Jahre alt, führte im Laufe seines lustigen Lebens viele Menschen zusammen. Anfang der 1980er habe er indirekt die erste Frauenpunkband Deutschlands gegründet, nämlich Hans-A-Plast; später erfand er aus Versehen die Chaostage und holte sie in seine Stadt. Ansonsten platziere Gerhard seinen Lieblingsfußballverein bescheiden in der mittleren der drei Bundesligen. Doch wenn er wolle, der Stullenverteiler aus Laatzen, würden seine 96er der neue Serienmeister sein, wie einst Dynamo in der DDR. Stattdessen solidarisiere sich Gerhard weise mit vielen Vereinen, und trüge er all deren Abzeichen am Mantel, wäre er so bunt wie ein russischer Offizier. Und überhaupt wolle die SPD ihre Volksnähe weiterhin manifestieren, indem sie auf der Flagge Niedersachsens das flotte Pferd durch eine gemütliche Kuh ersetzt. Ja, der Gerhard, was mache der heutzutage eigentlich, der Uns Gerd? Der ist doch jetzt Aufsichtsratsvorsitzender bei Hannover 96. Was? Er ist ein Multiplikator. Ach so. Ein V.I.P., der seine Loge nicht bei einem Radiosender mit dem Schlagerraten gewonnen hat, sondern ein bekannter Vermittler. Freund Frank zeigte sich optimistisch, denn am letzten Montag haben die 96er auch das Spitzenspiel beim VfB Stuttgart gewonnen. Bald wären die Saisonkarten der Hannoveraner so begehrt wie die von Rasenballsport Leipzig. Ich rollte mit dem Zug vorsichtshalber zurück in meine graue Stadt.